Metamorphus

Eine Tasse Tee

Zufrieden trat Alfons Dysprosium hinaus auf die Straße. Soeben hatte er erstmals sein Buch „Kaffeedomantie – das Schicksal am Boden der Tasse“ in einem Buchladen vorgestellt und den begeisterten Käufern gönnerhaft signiert. Es würde das neue Standardwerk zum Kaffeesatzlesen werden, der einzig wahren Form der Zukunftsdeutung, und, so hoffte er, auch ein Bestseller. Er konnte das Geld gut gebrauchen. Freilich glaubte er kein bisschen an die Vorhersehbarkeit der Zukunft, er war ja nicht bescheuert. Aber in Zeiten, in denen an jeder Ecke verschrobene Gestalten mit Christallkugeln saßen und bereits der Gemüsehändler in seiner Straße damit warb, sein Darjeeling eigne sich bestens zum Teeblätterlesen, konnte man mit diesem Thema eigentlich nichts falsch machen. Die Zukunftsdeutung lag im Trend, seit vor einem halbem Jahr ein Trickzauberer auf der Durchreise versehentlich den Tod des Bürgermeisters korrekt vorhergesagt hatte. Seitdem hatten zahlreiche Scharlatane versucht, daraus Profit zu schlagen. Dysprosium war einer davon, doch er war der erste, der ein Buch dazu heraus gebracht hatte und ein Buch verlieh dem ganzen einen weitaus wissenschaftlicheren Charakter als der Räucherstäbchen-Hokuspokus der Christallkugelmagier.

Nein, er glaubte nicht, die Zukunft ließe sich im Kaffeesatz erkennen. Doch er war ein großer Liebhaber des Heißgetränkes. Er bildete sich viel auf seinen Kaffeegeschmack ein und hatte jahrelang überlegen lächelnd auf Teetrinker herabgeblickt, sowie Leser anspruchsvoller, wohlmöglich fremdsprachiger Literatur sich jenen intellektuell überlegen fühlen, welche sich am Bahnhofskiosk eines der Boulevardmagazine greifen. Von Kakaotrinkern wollte er gar nicht erst sprechen. Kaffee war das Getränk der Produktivität und des Tatendrangs, Tee das Äquivalent zur Kuscheldecke für jene, denen Kaffee zu stark war und die sich nach Sonnenuntergang auch keine Cola mehr bestellten, weil sie sonst nicht einschlafen konnten. Solche Leute tranken vielleicht mal einen Cappuccino, aber auch nur mit viel Milchschaum und einer Extra-Portion Zucker. Zu dieser Sorte Leute wollte er nicht gehören und jahrelang hatte er Tee strikt abgelehnt. Doch nun stand er vor einem kleinen Teehaus an welchem er auf dem Weg vom Buchladen zurück zu seiner Wohnung vorbeigelaufen war und schaute neugierig durch die Fenster. Er blickte in einen schmalen, holzgetäfelten Raum, an dessen Wänden sich hunderte von Tassen und Teedosen stapelten, die mit ihren orientalisch anmutenden Etiketten Eleganz und den Hauch von Abenteuern einer fremden Welt vermittelten. Menschen saßen an kleinen runden Tischen und ganz hinten stand eine Bar, an der kochendes Wasser aus Hähnen gezapft wurde und den Teeausschenker jedes Mal in eine Dampfwolke hüllte. Lange rang er mit sich, ob er es wagen sollte, seine Hand nach der Türklinke auszustrecken. Mehrfach blickte er sich verstohlen um, doch schließlich trat er ein.

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